Von Deng Hongbo
Die Wirtschafts- und Handelsbeziehungen zwischen China und der EU stehen aktuell an einem Scheideweg. Wir erleben hierzu eine breite Debatte. Es gibt vernünftige Stimmen, die für eine offene Zusammenarbeit plädieren. Aber auch Töne, die das Thema des Handelsungleichgewichts erneut aufgreifen.
Manche rufen nach Begrenzung oder Ausschluss chinesischer Investitionen in Schlüsselbereichen, wollen mit härterer Gangart Derisking und weniger Abhängigkeit durchsetzen. Die Gestaltung unserer zukünftigen Wirtschafts- und Handelsbeziehungen ist von entscheidender Bedeutung und erfordert einen möglichst breiten Konsens.
Die Handelsbeziehungen sind das dynamische Ergebnis des Zusammenspiels von komparativen Vorteilen und Marktkräften. In 18 der letzten 25 Jahre verzeichnete China gegenüber Deutschland ein Handelsdefizit.
Unabhängig davon, ob es sich um einen Überschuss oder ein Defizit handelt, haben deutsche und europäische Firmen Profite erzielt, was den Charakter des gegenseitigen Nutzens der Handelsbeziehungen widerspiegelt. Die Binnennachfrage ist nun die Hauptantriebskraft der chinesischen Wirtschaft. Chinas Außenhandelsabhängigkeit liegt unter dem Niveau der EU, das bei 37 Prozent liegt.
Als zweitgrößter Importmarkt der Welt strebt China keineswegs Handelsüberschüsse an. Im Gegenteil: Zum Ausgleich setzt es auf mehr Importe, verfolgt also einen „Additionsansatz“.
Handelsbeschränkungen hingegen, etwa durch Zölle, widersprechen klar den Marktgesetzen. Leidtragende sind am Ende europäische Firmen und Verbraucher.
Die Lösung kann nicht nur auf chinesischer Seite liegen; auch die EU sollte ungerechtfertigte Exportbeschränkungen aufheben und dadurch mehr „Plus“ als „Minus“ erzielen. Dadurch können die Hindernisse für die Ausweitung der Exporte nach China beseitigt und die Handelsbeziehungen aufgewertet werden.
China unterstützt Europa mit Innovationen
Ein offenes Investitionsklima belebt den Markt und steigert die Wettbewerbsfähigkeit. Schranken dagegen mindern wirtschaftliche Effizienz und Resilienz. China hat seine Beschränkungen für ausländische Investitionen kontinuierlich abgebaut. Die Fortschritte sind klar erkennbar. Europäische Firmen reagieren darauf durch mehr Präsenz in China.
Die EU hat hingegen wiederholt restriktive Maßnahmen gegen chinesische Investitionen verhängt. Dies dämpft nicht nur das Vertrauen der Firmen, sondern schadet auch Europas Eigeninteressen. CATL beispielsweise hat in Thüringen über 2000 Arbeitsplätze geschaffen, zahlreiche Fachkräfte für die Batterieindustrie ausgebildet und die lokale Wirtschaft gefördert.
Die EU sollte ihre Zusagen mit Blick auf Marktöffnung und gerechten Wettbewerb einhalten und chinesischen Firmen ein faires, transparentes und diskriminierungsfreies Geschäftsumfeld bieten.
China und die EU sind beide Verfechter, Motoren und Gewinner der Globalisierung. Europäische Firmen nutzen Chinas Vorteile, um auf den globalen Märkten zu glänzen. China profitiert davon und unterstützt Europa durch eigene Innovationen.
Diese Interdependenz schafft Erfolge statt Risiken. Das eigentliche Risiko sind nicht vermeintliche Abhängigkeiten, sondern fehlende Zusammenarbeit und Stillstand. Die Weltwirtschaft schwächelt, Liefer- und Produktionsketten stocken.
Angesichts derartiger Herausforderungen dürfen sich China und die EU nicht auf isolierte „Inseln“ zurückziehen. Wir brauchen Kooperation, um den Kuchen zu vergrößern und eine koordinierte Entwicklung zu ermöglichen.
Mit Protektionismus verspielt die EU ihre Zukunft
2026 ist das Auftaktjahr von Chinas 15. Fünfjahresplan. Die chinesische Wirtschaft wird grüner, intelligenter und innovativer, woraus sich für Europa mehr Chancen ergeben. Selbstverständlich gibt es Wettbewerb, der jedoch keinen Anlass zur Sorge gibt.
Denn Dialog bietet einen guten Weg, berechtigte Anliegen zu adressieren und gemeinsam zu lösen. Die EU tut sich keinen Gefallen mit ihren Plänen für protektionistische Maßnahmen, die die Zusammenarbeit verengen, Veraltetes schützen und so letztlich die eigene Zukunft verspielen.
Ende Februar haben sich Staatspräsident Xi Jinping und Bundeskanzler Friedrich Merz auf eine Stärkung der strategischen Kommunikation zwischen China, Deutschland und Europa verständigt und das Bekenntnis zu offener Zusammenarbeit bekräftigt. Deutschland trägt maßgeblich zu den fairen, offenen und inklusiven Wirtschafts- und Handelsbeziehungen zwischen China und der EU bei.
Wir hoffen aufrichtig, dass sich Deutschland nicht von emotionalen Tönen vereinnahmen lässt, sondern mit Rationalität Vorurteile überwindet und mit Weisheit über Engstirnigkeit hinauswächst und sich weiterhin als Gestalter, Pragmatiker und Macher versteht.
Wir sollten uns gemeinsam dafür engagieren, die chinesisch-europäischen Beziehungen durch mehr Win-win-Zusammenarbeit auf einen stabilen und zukunftsfähigen Kurs zu bringen.
Anmerkung der Redaktion:
Deng Hongbo ist Botschafter der Volksrepublik China in Deutschland.
