von den Xinhua-Autoren Yu Xiaohua und Wang Xiaopeng
BEIJING, 17. Juli (Xinhua) -- Er ist ein Mann, der gegen die Zeit fährt. Und irgendwie hat er gelernt, dies auf Papier festzuhalten.
Der 56-jährige Lieferfahrer Wang Jibing hat mit Gedichten, die in den flüchtigen Momenten beim Warten auf die Lieferung von Mahlzeiten, in Aufzügen und bei Kunden entstanden sind, eine der renommiertesten literarischen Auszeichnungen Chinas erhalten.
Sein Gedichtband „Di Chu Fei Xing“, was übersetzt „Tiefflug“ bedeutet, wurde am Mittwoch als einer der Gewinner der neunten Ausgabe des Lu-Xun-Literaturpreises bekannt gegeben. Der Band fängt die ungeschminkte Realität und die emotionalen Untertöne seines Lebens als einer von mehr als zehn Millionen Essenslieferfahrern des Landes ein.
Unmittelbar nach seinem literarischen Erfolg erklärte Wang gegenüber den Medien, was er an diesem besonderen Tag wirklich tun wolle, sei ganz einfach: sich wieder auf seinen Roller schwingen und weiter liefern. „Nur wenn man auf dem Boden bleibt, findet man den klarsten Geisteszustand zum Schreiben“, sagte er.
Der begehrte Literaturpreis ist nach dem berühmten Schriftsteller Lu Xun benannt, der für seine schonungslosen und eindringlichen Schilderungen der chinesischen Gesellschaft zu Beginn des 20. Jahrhunderts bekannt ist. Der alle vier Jahre verliehene Preis würdigt herausragende Werke verschiedener Genres, darunter Novellen, Kurzgeschichten, literarische Reportagen, Lyrik, Prosa, Literaturtheorie und -kritik sowie literarische Übersetzungen.
Zhang Yiwu, Professor für chinesische Literatur an der Peking Universität, hob die Bedeutung von Wangs Erfolg hervor. Wangs Lyrik, so Zhang, sei nah am zeitgenössischen Leben, gebe einer in der Gesellschaft oft vernachlässigten Gruppe eine Stimme und veranschauliche zugleich die tiefgreifenden Veränderungen, die China derzeit durchlaufen.
IM ZEICHEN DES ALGORITHMUS
Wang wurde 1969 in der ostchinesischen Provinz Jiangsu geboren und brach die Schule während der Mittelstufe ab. Um seinen Lebensunterhalt zu bestreiten, arbeitete er als Bauarbeiter, als Arbeiter in der Sandgewinnung, Straßenverkäufer und Schrottsammler. Dennoch verlor er nie seine Leselust, verweilte oft an Ständen mit gebrauchten Büchern und durchforstete ausrangierte Zeitungen.
Schließlich ließen er und seine Frau sich in Kunshan in der Provinz Jiangsu nieder. Sie betrieben einen kleinen Laden, sparten jahrelang und nahmen eine Hypothek für eine Wohnung auf - einen sicheren Halt, den sie unbedingt behalten wollten. Als Wang 2019 hörte, dass man mit Essenslieferungen gut verdienen könne, beschloss er, es zu versuchen. Mit 50 Jahren wurde er der älteste Lieferfahrer an seiner Station.
Als Lieferfahrer rast Wang auf seinem E-Bike durch die Stadt. Der Liefer-Countdown im System der App dient ihm als unsichtbare Peitsche, die ihn unaufhörlich vorantreibt. Dieser algorithmische Druck inspirierte ihn zu dem Gedicht „Man in a Hurry“ (Mann in Eile), das ihm zum Durchbruch verhalf.
Das Gedicht entstand aus einer frustrierenden Liefererfahrung. Ein Kunde hatte die falsche Adresse angegeben, was Wang zu mehreren Lieferversuchen zwang. Als er auf dem Rückweg an einer roten Ampel stand und vor Ärger kochte, schossen ihm ein paar Zeilen durch den Kopf:
„Wind aus der Luft, Klingen aus dem Wind, Feuer aus den Knochen … Keine Jahreszeiten für Menschen, die gegen die Zeit rennen, nur eine Station und die nächste.“
Im Jahr 2022 gingen die Verse viral, nachdem ein anderer Poesieliebhaber sie online gepostet hatte.
ALLTÄGLICHE STIMMEN
Wangs Sieg spiegelt einen umfassenderen Wandel in der chinesischen Literaturlandschaft wider. In diesem Jahr war er bei Weitem nicht der einzige Autor mit einfachem Hintergrund, der für den Lu-Xun-Literaturpreis nominiert wurde. Eine Essaysammlung eines Marktverkäufers erhielt eine Nominierung in der Kategorie Prosa, während eine Kurzgeschichte eines Internetautors es in die Endauswahl schaffte.
Für den Literaturkritiker Dai Zhishen signalisiert die Nominierung von Autoren mit so unterschiedlichen schriftstellerischen Hintergründen und sozialen Identitäten für diesen Preis einen Wandel im literarischen Bewertungssystem.
„Es sendet ein klares Signal, dass Literatur kein unerreichbarer Luxus ist, der der Elite vorbehalten ist“, bemerkte Dai. „Vielmehr ist sie eine wilde Wortkunst, die auf Märkten, in engen Gassen, in Fabrikhallen und im Internet gedeihen kann.“
Für Wang hat das Aufkommen von Autoren aus einfachen Verhältnissen wie ihm selbst eine gesellschaftliche Bedeutung, die weit über den literarischen Wert hinausgeht. „Unsere Verbindung zum wirklichen Leben ist vielleicht tiefer, und unsere Ausdrucksweise aufrichtiger“, sagte er.
Offiziellen Angaben zufolge arbeiten mehr als 80 Millionen Menschen in Chinas neuen Beschäftigungsformen. Neben den Lieferfahrern gehören zu dieser Gruppe auch Fahrdienstfahrer und Live-Streamer. Sie sind zu einer unverzichtbaren Kraft geworden, die die Städte am Laufen hält, wirtschaftliche Abläufe aufrechterhält und den Konsum ankurbelt.
Wie Wang kämpfen auch sie jeden Tag gegen die Zeit. Fahrdienstfahrer bahnen sich ihren Weg durch endlose Staus in den Städten, während Livestreamer bis spät in die Nacht vor leuchtenden Bildschirmen auftreten. Viele tragen die Verantwortung für den Lebensunterhalt ihrer Familie auf ihren Schultern.
Mit der steigenden Zahl dieser Arbeitnehmer wächst auch die Aufmerksamkeit der Politik für ihre Rechte und Interessen. In den letzten Jahren haben die Regulierungsbehörden Maßnahmen eingeführt, um strenge Lieferalgorithmen einzudämmen, die Transparenz bei den Provisionsobergrenzen der Plattformen für Fahrdienstfahrer zu verbessern und den Zugang zu Sozialversicherungsprogrammen für Plattformarbeiter zu erweitern.
Auch Servicezentren und andere Einrichtungen für Plattformarbeiter sind in ganz China aus dem Boden geschossen. Allein in Beijing bieten ihnen mehr als 14.000 Servicezentren einen Ort, an dem sie sich hinsetzen, Wasser trinken und Schutz vor dem Regen finden können.
TIEF IM FLUG, HOCH IN DER DICHTUNG
Sobald er auf seiner Tour ist, wünscht sich Wang, er könnte aus jeder Stunde 61 Minuten herauspressen. Doch wie eine chinesische Literaturzeitschrift in ihrer Rezension feststellte, entstand aus diesem atemlosen Wettlauf gegen die Zeit bei ihm keine Eile, keine Frustration und kein Klagen, sondern eine stille Zärtlichkeit.
In seinem preisgekrönten Gedichtband bekräftigt Wang den Wert seines eigenen Überlebens und schreibt: „Tief fliegen ist auch ein Flug … Der Klang tief am Boden ist die Symphonie für alle Dinge, die nach oben streben.“
Seine Gedichte sind von alltäglichen Figuren bevölkert. In einem Gedicht über eine einsame Ameise, die einem Regenguss trotzt, zieht er eine stille Parallele: „Eine Ameise muss ihre eigene Verzweiflung oder Mission haben, um in einem Regensturm aufzutauchen, genau wie ein Lieferfahrer auf einem nassen Hang, der verzweifelt die Lieferbox auf dem Rücken seines Rollers schützt.“
„Ich kann mir nicht vorstellen, hauptberuflich als Schriftsteller zu arbeiten, denn ich weiß, dass ich dabei nicht gut wäre, da meine Inspiration ausschließlich aus meinem Job als Lieferfahrer stammt“, verriet Wang.
Eine übersetzte Fassung des Titelgedichts seines preisgekrönten Gedichtbands „Low Flight“ (Tiefflug) wurde online von der Literaturzeitschrift „The Baffler“ veröffentlicht.
Man sagt, das Leben sei kurz, und Laufen lasse es länger erscheinen, so Wang. Er beabsichtigt, in diesem Metier zu bleiben und poetisch von Auftrag zu Auftrag zu laufen.
Vielleicht kommt seine Philosophie des „Tiefflugs“ nirgendwo besser zum Ausdruck als in seinem Vers: „So viel Schnee das Leben auch auf mich häuft, ich werde ebenso viele Frühlinge erleben.“





